Warum steckt die zertifizierte Online-Fortbildung noch in den Kinderschuhen?

Immerhin 64% der deutschen Ärzte nutzen regelmässig das Internet und der überwiegende Teil sucht nach Fortbildungs-Inhalten; fündig werden allerdings allenfalls ein Fünftel dieser Kollegen [Krüger-Brand 2003].

Auch fast 10 Jahre nach dem Siegeszug des Internets und 5 Jahre nach den institutionellen Überlegungen zu einheitlicher Bewertung von Fortbildungsmassnahmen (101. Deutschen Ärztetag 1998 [Gerst 2001]), zu denen - wenn auch zunächst in sehr in geringem Umfang - auch elektronische Medien herangezogen werden können, sind die Online-Fortbildungsangebote immernoch sehr rar. Die Ärzteschaft ist also leider weit davon entfernt, die erforderliche inhaltliche Breite und Tiefe, wie sie im klassischen Print-Bereich geboten wird, in mediengerechter Art und Weise auch im Internet zu finden.

Vorteile des Mediums

Im Vergleich zu den klassischen Printmedien und Präsenzversanstaltungen bietet das Online-Medium naheliegende Vorteile:

  1. Bequemlichkeit, Verfügbarkeit (zeitlich, räumlich, inhaltliche Breite/Tiefe): Der Arzt kann jederzeit und von überall selbstbestimmt die Fortbildung durchführen
  2. Integrierte Community-Umgebung mit erweitertem Informationszugriff (Recherche, Foren und anderes): das Medium erlaubt die Kommunikation mit Experten und liefert die technischen Hilfsmitteln in großen Datenbeständen die erforderlichen Inhalte zu finden.
  3. Individuelle Lernfortschrittgeschwindigkeit: elektronische Lernsysteme können persönlich angepasste Inhalte-Kontigente ausliefern (z.B. im Gegensatz zu Zeitschriftenartikeln)
  4. Multiplizierbarkeit; geringe Proportionalkosten, denn elektronische Kurse, die zunächst einmal aufwendig entwickelt wurden, können für die Veranstalter dann relativ effizient betrieben werden
  5. Standardisierbarkeit: Online-Kurse lassen sich im Vergleich zu Präsenzveranstaltungen umfassender standardisieren bzw. einfacher mit qualitätssichernden Massnahmen optimieren.

Stattdessen primär Sekundär-Verwertung

Tatsächlich beschränken sich Verlage derzeit in erster Linie auf die relativ kostengünstige Zweit-Verwertung von Inhalten, die ursprünglich für die Printmedien hergestellt wurden. Auf diese Weise wird das verlegerische Stammgeschäft wenig gefährdet, bestenfalls diskret erweitert (siehe das Portal http://cme.springer.de [Hermann 2003]).
Die Vergangenheit hat deutlich gezeigt, dass elektronische Informationsangebote in der Medizin kaum gewinnbringend zu vermarkten sind. Die hinsichtlich didaktischem und medientechnischem Aufwand ambitionierten Projekte sind größtenteils öffentlich gefördert worden und unterliegen daher nicht einer strengen Wirtschaftlichkeitsprüfung, wie sie für das Geschäft der Verlage oder Bildungsanbieter erforderlich wäre.
Auch seitens der Produktionstechnologie orientieren sich die Förderprojekte eher nicht an professionellen Herstellungsprozessen, weil die operative Erfahrung aus diesem Bereich fehlt. Zudem existiert oftmals ein von den innovativen Möglichkeiten den Mediums getriebene Motivation, die die Interessen der ggf. als 'private partner' assoziierten Wirtschaftsunternehmen nicht unbedingt angemessen berücksichtigt.
Insbesondere wenn Förderprojekte zur Erstellung von medizinischen Online-Informationssystemen intern auch zur Deckung klinischer Tätigkeiten bzw. anrechenbarer Weiterbildungszeit herangezogen werden, hat die Nachhaltigkeit der Projekt-Ergebnisse oftmals leider nicht die oberste Priorität.
Die Gründe für den generellen Mangel an mediengerechten Fortbildungs-Inhalten sind also vielfältig:

Angebotskategorien

Bei den derzeit existenten "Online-Fortbildungsangeboten" kann man folgende Grundtypen beobachten:

  1. Verlagseigene "Recycling"-Angebote auf Basis etablierter Print-Produkte, z.B. Springer, BSMO/multimedica, Thieme
  2. Leitlinien-basierte Darstellung aus dem universitären Umfeld, z.B. LÄK Baden-Württemberg (Mamma-Ca), Uni Witten/Herdecke (medizinerwissen.de), Kompetenznetze bzw. Fachgruppen wie www.onkodin.de unter der Leitung von Prof. Link/Kaiserslautern. Aus dem Uni-Umfeld stammen auch systematische Fall- oder Bilddaten-Sammlungen wie z.B. das Dematologie-Portal www.dermis.net (Unis Heidelberg/Erlangen-Nürnberg)
  3. Aufwendigere, medien-intensivere Online-Fortbildungsinhalte betreffen zumeist singuläre Themen, z.B. www.diabetes-cme.de oder technisch-aufwendige Community-Services, z.B. www.meinearztseite.de (Yahoo). Derartige Angebot sind in der Regel von der Industrie gesponsort.

Die von der Uni Herdecke geleitete Fortbildungs-Website bietet in erster Linie Lernerfolgskontrollen in Form von Multiple-Choice-Quizzes an; die Teilnahme ist kostenpflichtig.

Der Erfolg des Lernens - so es sich um zertifizierte Lerninhalte handelt - wird in der Regel mit dem bekannten Multiple-Choice-Testverfahren geprüft. Daran schliesst sich für den ärztlichen Nutzer eine zumeist fax-basierte Übertragung der Ergebnisdaten zur Einreichung bei der Landesärztekammer an. Die zugrundeliegenden Prozesse für die Punktwert-Übertragung bzw. Kontierung muten im Zeitalter von online-Banking noch recht archaisch an; obwohl bereits Konzepte für die Vereinheitlichung dieser Abwicklungs-Prozesse existieren [Hoffmann 2002], ist eine bundesweite Abstimmung seitens der Landesärztekammern sehr schwierig.

Fazit

Auf dem aktuellen 106. Deutschen Ärztetag im Mai [Gerst 2003] wurde eine Verdoppelung der Punktezahl für die "Strukturierte interaktive Fortbildung via Printmedien, Online-Medien und audiovisuelle Medien mit nachgewiesener Qualifizierung und Auswertung des Lernerfolgs in Schriftform" (Kategorie D mit jetzt 60 von 150 Punkten in 3 Jahren) festgelegt; dies wird sicherlich der zunehmden Bereitschaft der Ärzte gerecht, das Medium zu nutzen. Viel wichtiger ist jedoch, dass dies der erste Schritt zu einer gesteigerten Attraktvität des Mediums aus Sicht der Bildungs-Anbieter ist; denn aufgrund der hohen Gestehungskosten von Online-Fortbildungskursen müssen zunächst zwei Grundbedingungen erfüllt werden:

  1. die absolute Zahl der Nutzer muss hoch genug sein
  2. diese Nutzer müssen breit sein, für elektronische Inhalte zu bezahlen

Erst wenn hier die entsprechenden Schwellen überschritten sind, wird sich sukzessive ein qualitativ und quantitativ hochwertiges Online-Fortbildungsangebot entwickeln.
 
[Artikel für die Zeitung DERMAforum 07/2003.]


Kontaktadresse:
Dr. med. Frank Hoffmann,
Hoffmann + Liebenberg GmbH,
Hegelplatz 1, 10117 Berlin,
Internet: www.hoffmannliebenberg.de


Literatur

Gerst, T.: TOP V - Tätigkeitsbericht - Fortbildungszertifikat: Künftig einheitliche Bewertungskriterien
Deutsches Ärzteblatt 100, Ausgabe 22 vom 30.05.2003, Seite A-1489 / B-1239 / C-1162
http://www.deutsches-aerzteblatt.de/v4/archiv/pdf.asp?id=37118

Gerst, T.: Ärztliche Fortbildung: Zertifiziert und freiwillig
Deutsches Ärzteblatt 98, Ausgabe 20 vom 18.05.2001, Seite A-1308 / B-1113 / C-1041
http://www.deutsches-aerzteblatt.de/v4/archiv/pdf.asp?id=27236

Herrmann, P.: Zertifizierte Fortbildung online: Gutes Abschneiden der Teilnehmer
Deutsches Ärzteblatt 100, Ausgabe 20 vom 16.05.2003, Seite A-1340
http://www.deutsches-aerzteblatt.de/v4/archiv/pdf.asp?id=36955

Hoffmann, F.: Zertifizierte Fortbildung für Ärzte: Web-basierte Lösungsansätze
Deutsches Ärzteblatt 99, Ausgabe 11 vom 15.03.2002, Seite [14]
SUPPLEMENT: Praxis Computer
http://www.deutsches-aerzteblatt.de/v4/archiv/pdf.asp?id=30847

Krüger-Brand, Heike E.: Studie 'European Physicians and the Internet': Der Einfluss des Internets wächst
Deutsches Ärzteblatt 100, Ausgabe 20 vom 16.05.2003, Seite A-1326 / B-1110 / C-1038
http://www.deutsches-aerzteblatt.de/v4/archiv/pdf.asp?id=36941

Otto, M.: Zertifizierte Fortbildung: Motivierendes Online-Lernerlebnis
Deutsches Ärzteblatt 100, Ausgabe 11 vom 14.03.2003, Seite [26]
SUPPLEMENT: Praxis Computer
http://www.deutsches-aerzteblatt.de/v4/archiv/pdf.asp?id=36080